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Interview mit Bea Borelle: „Ein Pferd zu besitzen ist eine verdammte Aufgabe“

Bea Borelle ist gelernte Sozialpädagogin, ausgebildet und lizenziert von Linda Tellington – Jones in der TT.E.A.M. – Arbeit. Richard Hinrichs war lange Zeit ihr Lehrer. Sie ist Master Instructor der École de Légèreté und verheiratet mit Monsieur Philippe Karl, einem ehemaligen Bereiter der französischen Nationalschule und Begründer der Schule der Légèreté, der auch gleichzeitig ihr derzeitiger Lehrmeister ist. Außerdem ist sie Buchautorin und hat ihr eigenes vielseitiges Ausbildungskonzept entwickelt, dass sie auf Lehrgängen im In- und Ausland vermittelt.

Interview mit Bea Borelle: „Würde ich Christoph Hess heißen, würde ich Zirkuslektionen in der  Reitlehrerausbildung etablieren“

Bea Borelle ist in der Pferdeszene als vielseitige und motivierende Ausbilderin bekannt. Wir freuen uns sehr, dass Bea Borelle die Zeit gefunden hat, mit uns dieses Interview zu führen.

Sie sind ja schon seit vielen Jahren Master Instructor der École de Légèreté. Wie kam es dazu?

Nachdem ich an 1998 die ersten Seminare mit meinem Mann durchgeführt haben, waren wir uns mit mehreren Teilnehmern einig, dass mein Mann eine Ausbildung anbieten sollte. Das tat er dann ab 2004. Als er durch die Verbreitung seines letzten Buches in nunmehr 8 Sprachen immer bekannter wurde, gab es Nachfrage und Kurse weltweit in einer Anzahl, die er nicht mehr alleine leisten konnte.

Daraufhin suchte er nach Unterstützung und wählte seine erfahrensten und langjährigsten Schüler aus, von denen er sich vorstellen konnte, dass sie sowohl in Theorie-Vorträgen, als auch im Lehren, sowie in der praktischen Durchführung dieser Aufgabe gewachsen sind. Ich durfte mit dazu gehören. Es ist im ersten Moment eine Ehre, aber auf lange Sicht eine schwierige Aufgabe und Verantwortung.

Und nach welcher Reitweise sind Sie davor geritten?

Das ist wiederum eine verrückte Sache: Ich habe bei Abenddämmerung im Alter von 11 Jahren heimlich auf Ponys mit selbst gefrickelten Zaumzeugen, alle Gangarten reiten und sich auf jeden Fall draufhalten, gelernt. Nachdem die Besitzer der Ponys uns mehrfach erwischt haben, bot ich ihnen meine Dienste offiziell an. Und siehe da, im Austausch mit der Pflicht die eigenen Kinder erst einmal reiten zu lassen und im Dorf zu führen, durfte ich dann ungehindert in die freie Natur und wie lang auch immer ausreiten. Das war mein Immenhof und Abenteuer pur. Es folgte bald darauf über Jahre ebenso unbegrenzt die Reitmöglichkeit auf einer Rheinländer Stute „Sabine“.

Ab meinem Studium der Sozialpädagogik hatte ich für mehrere Jahre ein Pflegepferd, das schließlich mein erstes eigenes Pferd wurde.

1985 kreuzten sich „zwischen den Jahren“ die Wege von zwei völlig bekloppten einsamen Reitern, im ruhigen Galopp bei strömenden Regen, trotzdem ihrem Hobby folgend auf endlosen Schneisen der Lüneburger Heide: Claus Penquitt und Bea Borelle.

Wir machten uns miteinander bekannt und ab da war Claus Penquitt für mehrere Jahre mein Western Trainer, bis er mich an Herrn Richard Hinrichs empfahl und ich bei ihm ab 1989 regelmäßig zum Unterricht erschien. In meiner Kindheit und Jugend hatte ich maximal 20 Mal einen Reitstall besucht und tauschte dort meine zu Weihnachten erhaltenen Reitpässe ein. Mehr war es nicht. Mein erstes Pferd habe ich mit guten Ratschlägen von Bekannten und Büchern wie von Anthony Amaral „Junge Pferde selber schulen ausgebildet“.

Die Anschaffung und das Durchackern der Literaturempfehlungen auf der Rückseite der „Freizeit im Sattel“ waren Pflichtprogramm.

1985 las ich das erste Buch von Linda Tellington–Jones und ließ mich von Ihr über mehrere Jahre zum TTEAM Practitioner III ausbilden.

Vor einigen Jahren haben Sie Ihr eigenes Ausbildungskonzept: B.E.A. Complete Concept entwickelt und unterrichten Ihre Schüler darin sowohl in Deutschland als auch der Schweiz. Was ist das Konzept und worin unterscheidet es sich zu der EDL Ausbildung?

Das Programm heißt “Basis – École de Légèreté – Ausbildung” und ist auch „geöffnet“ für ambitionierte Reiter/innen und nicht ausschließlich für praktizierende Reitlehrer. Dieses Konzept habe ich entwickelt um auch eine sinnvolle Ergänzung zu der Ausbildung von meinem Mann, Philippe Karl, zu bieten, da es für seine Ausbildung eine Voraussetzung ist, dass man praktizierender Reitlehrer ist.

Als weiteres Modul ist außerdem der Fokus auf die Bodenarbeit sowie eine Einführung in die Tellington Touches. Die Ausbildung enthält eine intensive Ausbildung von Pferd und Reiter an der Longe und eine Basisausbildung im Reiten in der École de Légèreté. Alle Module schließen mit Prüfungen auf verschiedenem Niveau ab: Bronze, Silber und Gold.

Zirkuslektionen sind ein großer Bestandteil Ihrer Arbeit mit Pferden. Wie kam es zu dieser Passion und wie erklären Sie sich möglichen Kritikern?

Bea Borelle mit ihrem Wallach „Ben“ Foto: Meike Wix

Schon früh war ich Besucher der Equitana und fasziniert von den Vorführungen der ungarischen Csikós. Da fängt man doch an zu träumen…

1985 lernte ich Claus Penquitt kennen und nahm bei ihm Unterricht. So ergab sich auch der Kontakt zu seiner Tochter Dr. Nathalie Penquitt, die mit ihrem damaligen Pferd “Lucky” Zirkuslektionen durchführte. Zirkuslektionen sind lustig, faszinierend, geheimnisvoll und wenn man nicht zu den Verächtern gehört, sofort beeindruckend und drängen dazu, das selber ausführen zu wollen. Einige Lektionen hat mich Richard Hinrichs gelehrt. Anschließend fiel es mir nicht schwer, die Vorgehensweise selber zu erkennen und viele Tricks selbst durchzuführen. So habe ich zum Beispiel die Kapriole bei meinem Pony “Ben” selber erarbeitet.

Zirkuslektionen beziehungsweise das “Clickertraining” nicht zu kennen, ist aus meiner Sicht ein großes Manko. Man lernt, wie Pferde lernen, wann sie am stärksten motiviert sind – Kleinschrittigkeit, Rückstufung, enorme Geduld, tummelt sich im Reich der Phantasie, wird wieder Kind, lacht, hat Spaß und eine bomben Atmosphäre mit dem Pferd. Man lernt Tricks kennen, bei denen man gar nichts, aber auch gar nichts erzwingen kann. Sehr lehrreich! Hieße ich Christoph Hess ich würde Zirkuslektionen als festen Bestandteil einer Reitlehrerausbildung etablieren.

Wie findet man in unserer schnelllebigen Welt die richtige Energie und Balance für eine harmonische Pferd/Mensch Beziehung? Fällt es Ihnen manchmal schwer im Umgang mit Pferden abzuschalten bzw. wie disziplinieren Sie sich dazu?

Bea Borelle beim reiten mit Halsring Foto: Meike Wix

Das ist eine unglaublich interessante Frage! Ich würde sie sogar noch erweitern: Wie schaffen Sie es seit nunmehr 27 Jahren mit ihrem Pony 6 Tage in der Woche immer noch begeistert mit ihm zu trainieren?

Weil es eine Passion ist, schaffe ich es eben genau in dieser Domäne mich zu konzentrieren und dort habe eine unglaubliche Disziplin. Dazu habe ich mich nie zwingen müssen. Mittlerweile nagt auch der Zahn der Zeit an mir. Leider werde auch ich jeden Tag ein wenig älter. Das merke ich, aber da ich mit so vielen Ideen ausgestattet bin, ist jede Woche im Training zu kurz. Dabei hat mich immer eine Tatsache vorangetrieben: Ich langweile mich unglaublich schnell. Gegengift: Viele Ideen, unglaubliche Spannbreite meines Wissens und Könnens und jeden Tag, an dem ich diese Triebfeder brauche, einfach was anderes machen. Auf der anderen Seite bin ich Perfektionist – also möchte ich die Lektionen verbessern und ein hohes Niveau erreichen. Da bleibt man dann dran am Ball.

27 Jahre mit ein und demselben Pferd zu arbeiten ist für mich auch nicht schwer. Erstens gibt es durch meine kursbedingte Abwesenheit immer ein Entzugsgefühl und dann ist es eben so, dass Ben so viel kann, dass die Zeit sowieso zu kurz ist. Außerdem spielen wir an jedem Trainingstag Pingpong: Er wirft den Ball der guten Laune und ich werfe ihn zurück.

Gab es in Ihrem reiterlichen Werdegang einen lehrreichen “Fehler” in der Arbeit mit Pferden?

Fehlerfrei geht nicht! Ich habe aus einigen heiklen Situationen, in denen ich mich durchsetzen wollte, gelernt kleinschrittig und verständnisvoll zu sein. Das passiert mir generell eher selten, aber dennoch. Wenige Erlebnisse waren ermahnend genug.

Monsieur Philippe Karl ist nicht nur Ihr Lehrmeister, sondern auch Ihr Ehemann. Was ist das Geheimnis, diese Kombination gut zu vereinen?

Bea Borelle mit ihrem Ehemann Philippe Karl Foto: Meike Wix

Toleranz, Geduld und tonnenweise Liebe! Wir haben vieles, was wir nicht miteinander teilen (können) und weniges was wir teilen, das uns dadurch aber sehr stark verbindet. Wir sind im Ursprung aus gleichem Holz geschnitzt. Seit nunmehr 20 Jahren ist er jeden Tag glücklich über seine Prinzessin und ich habe den Luxus auf dem goldenen Tablett getragen zu werden.

Durch das Mustang Makeover Germany sind in Deutschland auch “alternative Reitweisen” noch mehr in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt.Durch die Teilnahme von Mira Semelka und weiteren 3 Personen, die der EDL nahe stehen, eben auch die École de Légèreté. Wie stehen Sie zum Mustang Makeover und was ist ihre persönliche Meinung dazu?

Ich kenne diese Veranstaltung nicht eingehend. Grundsätzlich finde ich die Idee innovativ, genial um auf die Mustangs aufmerksam zu machen und als Fragestellung ebenso faszinierend. Ich hoffe, dass es den einzelnen Trainern gelingt, weder sich, noch das Pferd zu Hause unter Druck zu setzen. Dennoch kann kein Turnier der Welt die tatsächliche Leistung eines Trainers beurteilen. Denn das eine Pferd lernt schnell und das andere langsam und ist am “Tag X” nicht das Beste. Und nur der Trainer selbst kann sich sagen, das habe ich gut gemacht.

Möchten Sie noch ein paar finale Worte sagen?

Ein Pferd zu besitzen ist eine verdammte Aufgabe, derer sich viele beim Kauf nicht im Klaren sind. Etliche werden dieser Aufgabe nicht gerecht. Denjenigen, denen es doch gelingt, sei ein riesen Lob ausgesprochen!

Denn ich weiß, was es bedeutet, nicht nur sein Pferd im jeweiligen artgerechten Stall korrekt versorgt zu wissen und sich rundum in allen Fragen fachkundig zu machen, sondern auch wöchentlich so zu arbeiten, dass es fit wird, bleibt und das bis ins hohe Alter.

Das Preis-/Leistungsverhältnis – wenn ich das überhaupt so nennen kann – driftet oft verdammt auseinander. Die Momente der (Für)sorge, der Frustration und des sich Zurücknehmens, können häufig die Anzahl positiver Momente übersteigen.

Der Reiter/in, dem/der es dennoch gelingt, sich von wenigen Momenten des Glücks zu nähren oder die vielen kleinen Glückseligkeiten zu erkennen, sei hiermit eine Goldmedaille überreicht. Das sind für mich die echten Olympiasieger oder Weltmeister. Und da kein anderer als der jeweilige Reiter/in das beurteilen kann, sollte sich ein(e) jede/r von Urteilen anderer unabhängig machen und mit der eigenen großartigen Anerkennung glücklich sein.

Viele schöne Stunden wünsche ich jedem Pferdebesitzer dabei.

Passend zum Thema: Hamiras Tagebuch, Interview mit Mira Semelka: „Ich verwende keinen Nasenriemen“

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